Peace Counts Peace Counts
Benediktiner - Gott wohnt zwischen den Fronten
Das Benediktinerkloster Hagia Maria Sion steht auf der Demarkationslinie zwischen Ost- und Westjerusalem. Hier betet und arbeitet die kleinste Friedensbewegung des Nahen Ostens.

Von Michael Gleich
Bruder Thomas schickt ein paar ziemlich weltliche Flüche gen Himmel. Schon wieder ein Checkpoint! Er bremst vor dem einschüchternden Ensemble aus Stacheldrahtrollen und schussbereiten Maschinengewehren. Israelische Soldaten mit Bleiwesten und verschlossenen Gesichtern umringen den Wagen. Respekt zeigen sie weder vor seinem Alter noch vor dem schwarzen Mönchshabit. "Passport!", ohne "Please".
Noch ruppiger gehen sie mit den beiden Palästinensern im Wagen um: "Ihr dürft nicht durch. Oder habt ihr eine Spezialgenehmigung?" Wieso man für diesen Weg eine Erlaubnis brauche, fragt Daoud. "Weil das nicht euer Land ist", sagt der junge Soldat, "this land is still mine." Nur weil Bruder Thomas flugs gegen das achte Gebot verstößt und ein unverdächtiges Reiseziel erfindet, dürfen alle passieren.
Der vierte Mann im Wagen, Abt Benedikt Lindemann, bleibt ruhig. Er strahlt den israelischen Soldaten sogar an: "Shalom!" Den Mitfahrern fällt es nicht leicht, diese Freundlichkeit nachzuvollziehen. Da erklärt sich ein 19- Jähriger mit Maschinengewehr zum Besitzer Palästinas, aber der Abt lächelt nur. Und wirbt für seine psychotherapeutische Sicht der Lage: "Spürt ihr nicht, wie der unter Stress steht, wie verunsichert der ist? Das ist ein ganz armes Würstchen."
Israel, die hysterische Gesellschaft? Fest steht: Das Land ist permanent außer sich. Verfolgungswahn auf der einen Seite, und auf der anderen die Illusion, mit einer gigantischen Militärmaschinerie Sicherheit erzwingen zu können. Zäune, Checkpoints, Betonmauern, Absperrungen – Grenz-Erfahrungen gehören hier zum Alltag.
"Suche den Frieden und jage ihm nach", hat der heilige Benedikt seinen Nachfolgern ins Regelbuch geschrieben. In Israel suchen und jagen seine Jünger den Frieden unter verschärften Bedingungen. Das Kloster Hagia Maria Sion, in dem Abt Benedikt und seine 16 Brüder zu Gottes Lob und Preis leben, steht direkt an der Jerusalemer Stadtmauer: Hier, an der Demarkationslinie, stoßen Palästina und Israel aufeinander wie tektonische Platten, reiben sich und bauen Spannungen auf, die sich in gewaltigen Beben entladen.
Clash of Civilizations, und mittendrin die Benediktiner.
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Abt Benedikt Lindemann plant in seinem Kloster in Jerusalem die Einrichtung einer Friedensakademie
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Ein Stück Weg zusammen gehen: Die Benediktiner helfen Palästinensern, die von gewaltsamer Enteignung durch illegale Siedler bedroht sind.
Photos:
Frieder Blickle/bilderberg
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