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Der georgische Puppenspieler
Von Marcus Bensmann
Mamuka ist ein Puppenspieler. Der Gerogier bastelt die Puppen für seine Aufführungen selbst. Zuerst moduliert er Köpfe aus Papierbrei oder Gips. Seine schlanken Finger formen traurig drollige Züge in den Werkstoff. Skizzen macht sich Mamuka vorher nie, die Gesichter seiner kleinen Helden entstehen einfach so, und danach die Geschichte, die der Georgier erzählen will.

Das Spiel mit Kulissen und Figuren sind die Werkzeuge des 38järhigen Mannes, um in dem von ethnischen Unruhen heimgesuchtem Land am Kaukasus eine Gegenwelt aufzubauen. „Ich versuche Stereotypen aufzubrechen und Vorurteile zu entkräften“, erklärt er mit seiner wohlklingenden Tenorstimme. Mit kleinen Episoden, die Mamuka im nu zu zaubern versteht, versucht er in den Köpfen der Zuschauer den Kreislauf von Gewalt und ethnischen Hass aufzubrechen. Mamuka dirigiert nicht nur gebastelte Puppen. Er hat die Gabe Jugendlichen verschiedener ethnischer Herkunft aus Georgien zu spontanem Theaterspiel zu begeistern. Unter seiner behutsamen Regie ermuntert er Jugendliche zu Rollenspielen, in denen Konflikte lösbar werden, „ohne sich die Schädel einzuschlagen.“, wie Mamuka erklärt.

Zwei braune Augen geben dem länglichen Gesicht eine sanfte Duldsamkeit. Die hohe Stirn ist von einem Haarkranz umgeben. Der hagere Mann sitzt in seiner spärlich eingerichteten Wohnung: Ein Sofa, Fernsehen, ein Tisch und an der vergilbten Tapete ein Farbposter. Zwei Kinder springen durch die Wohnung und spielen mit Mamukas Puppenköpfen. Vom Fenster aus eröffnet sich ein Panoramablick über Tiflis. Die Wohnung liegt im siebten Stock eines heruntergekommen Plattenbaus auf einer der Anhöhen der georgischen Hauptstadt. Der studierte Pädagoge hat die blutige Geschichte des kaukasischen Staat hautnah miterlebt. Unter Maschinengewehrfeuer musste er duckend durch die engen Gassen der georgischen Hauptstadt hasten, um Brot für seine Familie holen gehen. „Kurz bevor ich mit ein paar Laib Brot das Haus erreichte, schlug direkt neben meinem Kopf eine Kugel in den Torrahmen“, erinnert sich Mamuka.

In den Strassen Tiflis kämpften nach der Unabhängigkeit Georgiens 1991 die Anhänger des ersten georgischen Präsidenten Swiad Gamsachurdia gegen die Parteigänger Eduart Schewardnadse, der der zweite Präsident des kaukasischen Staates werden sollte. „Im Anfang war ich begeistert von Gamsachurdia“, erinnert sich Mamuka,“ meine Familie und viele meiner Freunde unterstützen ihn“. Dessen Idee einer kulturelle Wiedergeburt Georgiens hätten sie alle in den Bann geschlagen, zu dem war der erste Präsident Georgeins ein gefeierte Schriftsteller gewesen, dessen Werke alle mit Begeisterung gelesen hätten. „Doch ich habe erkannt, dass man im Kaukasus eine nationale Identität nicht gegen andere errichten kann, das führt nur zu Tod und Verderben.“, sagt Mamuk.

Georgien blieb von dieser Lektion nicht verschont. Das kleine kaukasische Gebirgsland mit knapp 4.4 Millionen Einwohnern ist ein Vielvölkerstaat. Neben knapp 65 Prozent Georgiern leben Aserbaidschaner, Armenier, Abchasen, Osseten, Russen und vielen weitere kleiner Nationen in dem kaukasischem Staat und jeder Bevölkerungsgruppe hat seine eigene Religion und Kirche. In der mittelalterlich geprägten Altstadt der georgischen Hauptstadt stehen die Kirchen der armenischen, georgischen und russischen Orthodoxie, es gibt eine Synagogen und Moscheen der aserbaidschanischen Minderheit. Ein blutiger Bürgerkrieg führte zu einer faktischen Abtrennung Abchasiens und Ossetiens von dem georgischen Staatsgebiet. Der ethnische Konflikt kurz nach der Unabhängigkeit entwickelte sich zu einer reglerechten Blutorgie, in dessen Verlauf viele tausend Menschen aus ihren Heimatorten vertreiben worden und nach wie vor in Flüchtlingsunterkünften ausharren. Abchasien hat ein de facto Autonomie erkämpft. Bisher ist keine Lösung in Sicht. „Zuviel Grausames ist geschehen, so dass die Georgier und Abchasen für lange Zeit sprachlos bleiben werden“, befürchtet Mamuka.

Reportage demnächst in Vollversion

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Oben links:
Gevork (links), armenischstaemmiger Georgier aus Akhaltsikhe in Suedwest-Georgien vor seinem Zelt in einem staatlichen Jugendlager. Das Camp ist vom Kulturministerium organisiert. Gevork versucht durch aktive Mitarbeit in einem von insgesamt vier von World-Vision unterstuetzten unabhaengigen Jugendzentren gegen ethnische Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung anzugehen.
Oben rechts:
Mamuka im Studio des staatlichen georgischen Fernsehens in Tblissi mit einigen von ihm entwickelten und gebauten Puppen.
Photos:
Thomas Grabka
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